866 Tage

Jeder hat Ansprüche an mich, aber was ist denn mit den Ansprüchen an mich selbst? Ich esse nicht mehr richtig, ich schlafe nicht mehr richtig, ich habe keine Hobbies, kein Privatleben, keine Menschen mit denen ich mich treffe. Ja, so online, so alle 3 Monate mal sehen. Toll.

Muss man mit einem T-Shirt rumlaufen, auf dem drauf stehe „Hallo, ich brauche mal frei, bitte nicht anrufen. Danke!“?! Ja gut, wird trotzdem nicht helfen. Sehe ich ja jetzt. Ich mache gerade besagten Urlaub. Nicht auf Mallorca, sondern an meinem Schreibtisch. Ihr kennt das ja, aufgeschobene Hausarbeiten, blah… Ich wollte mal 5 Tage frei machen. Von Montag bis Freitag no Erwerbsarbeit. Auch keine kurze SMS, auch kein kleiner Anruft. Nischt. Als ich so drüber nachgedacht habe, wann ich das letzte Mal erwerbsarbeitsfrei hatte……ähm…Weihnachten 2014?

Ja, genau. Das sind 866 Tage. Okeee, 867, weil 2016 ein Schaltjahr war, wir wollen mal nicht so sein. Laut Bundesurlaubsgesetz hat man 24 Tage frei, wenn man 6 Tage die Woche arbeitet. Wenn wir mal ehrlich sind, arbeite ich 7 Tage die Woche und müsste deswegen sogar 28 Tage frei haben. Pro Jahr, nicht pro alle 2,5 Jahre.

Selber schuld, sagt ihr vielleicht jetzt. Aber wir leben ja in einer Gesellschaft und koexistieren mit Menschen und manchmal arbeiten wir sogar mit denen zusammen oder sie sind unsere Vorgesetzten. Tragen dann die Leute nicht auch eine Verantwortung? Dafür wie sehr sie ihre Kollegen und Kolleginnen fordern, um Mitternacht mit SMS-Nachrichten bespamen, sooo viel unbezahlte Arbeit einfordern, da „dass ja alles nur Orgakram ist“ …? Es macht halt Menschen kaputt. Mich macht’s kaputt.

Wenn man selbstständig oder abhängig im linksversifften Bereich arbeitet, dann gibt’s kein frei. Viele würden jetzt sagen, ja aber dass ist nun mal so in der Selbstständigkeit. Leider wird man in der politischen Arbeit, damit aber nicht reich. Nicht wenn es nur ein Nebenjob ist. Ach ist es ja gar nicht. Ein Ehrenamt. Ich bin ehrenamtlich aktiv und bekomme dafür eine Aufwandsentschädigung (sic!). Eine für die ich eine Rechnung schreiben muss (SIC!) und gerade in der 8.(!!!) Woche auf die Auszahlung warte.  #“dasgeldistaufdemweg“ #alterdeinernst #kommtausbangaladeschoderwas

Heute ist der 2. Tage von meinem ominösen Urlaub und wenn nicht auch noch der Laptop rigoros abgeschmiert wäre, hätte ich wohl schon das 2. Essay so halbwegs im Rohtext fertig. Aber es ist der 3. Mensch aus meinem Arbeitsumfeld, der mich heute kontaktiert hat. 3/10. Ich könnte ja jetzt dankbar sein, dafür dass die anderen 7 sich noch nicht gemeldet haben. #YAY #cozyweek

Manchmal frage ich mich, was ich wohl so tun würde, wäre ich mal Vorgesetzte oder Arbeitskollegin einer Person wäre, die mehr als einen Job benötigt um die Fixkosten zu decken. Ob ich dann weniger fordernd wäre. Ob ich Fragen wie „Mir gehts nicht so gut, kann das jemand anderes übernehmen?“ auch zunächst mit einem aufmunterndem Lächeln quittieren würde um ein paar Tage danach den biggest Shitstorm on earth auf dem Mailverteiler gegen die Person zu starten, weil ich ja nun Mehrarbeit habe. Man weiß es nicht. Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Aber ich weiß wie sich das anfühlt, keinen Urlaub zu haben, nicht nur Netflix zu schauen wenn man krank ist, sondern parallel zu telefonieren, simsen und Mails zu beantworten. Ich weiß wie sich das anfühlen kann, wenn das Gegenüber zu fordernd ist. Wie es Menschen kaputt machen kann.

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