„Ich will nicht mehr. Mach was.“

Leni und ich, wir kennen uns aus dem Internet. Natürlich heißt sie nicht Leni. Aber das mit dem Internet stimmt. Und leider stimmt auch das mit der Gemeinsamkeit. Gewalterfahrung. Sowas macht immer was mit Dir. Manchmal kann man es wegschieben und ein großes Sofa vor den tiefschwarzen Fleck an der Wand stellen. Manchmal ist aber auch das Licht aus und dann wirkt der Fleck gar nicht mehr so klein und begrenzt, sondern der ganze Raum ist schwarz und erdrückt dich…..

Glitzernder Pfeffi im Bauch, eine Rauschwolke im Kopf und 1,5 Stunden Schlaf. Bzzzz. Das Handy brummt und hört nicht auf und schlagartig bin ich wach, weil mir wieder einfällt, dass es ja gerade diese eine Freundin gibt, die aktuell wieder sehr starke Psychosen hat und ich eine ihrer Notfallnummern bin und deshalb das Handy nicht ausgestellt ist. Natürlich ist man auf schwierige Situationen gefasst, wenn dich deine psychisch kranken Freund*innen kontaktieren. Das ist ja kein Schnupfen oder so. Von Schnupfen stirbt man nicht. Von furchtbaren Gedanken im Kopf schon. Ich glaube wir haben alle schon mal irgendwo gelesen, dass Menschen, die andeuten sie wollen nicht mehr leben, es (meistens) nicht durchziehen. Das es meistens um Sehnsucht nach Halt geht, weil die Person ne sehr schlechte Zeit hat und Liebe und Unterstützung von Menschen braucht.

Wenn Dir jemand sagt, er_sie will sich suizidieren, ist man schlagartig wach. Ich war wach. Da kann der Pfeffi sonst wie glitzern in mir drin. „Ich will nicht mehr leben.“ Zack. Fühlt sich an wie bei einer Sanduhr, die man gerade erst entdeckt hat und panisch feststellt, dass oben nur noch sehr wenige Körner sind, die durchrieseln werden. „Mach was“ hat die Stimme in meinem Kopf gebrüllt. „Mach was um es zu verhindern.“ Also rede ich drauf los. Versuche mich nicht auf mit Blumenmotive bedruckte Karten mit Achtsamkeitssprüchen aus der Flow zu konzentrieren, auf denen total nervtötende „Die Schönheit des Lebens liegt vor Dir“ Weisheiten stehen, die mir aber natürlich als Allererstes einfallen. Also, natürlich geht’s um schöne Dinge. Was sind sonst die Argumente, jemanden davon zu überzeugen zu bleiben. Aber ich muss es anders formulieren, um im gleichen Moment festzustellen, dass es total sinnlos ist, was ich sage. Ich kann niemanden überzeugen, dass mit dem Suizid zu lassen. Einfach weil ich keine Ahnung habe, wie das gehen soll. Andere Menschen haben Psychologie studiert, nicht ich. Aber andere Menschen hat sie nun mal nicht angerufen. Mittlerweile habe ich sowas wie Panik entwickelt. Vielleicht meint sie es ja doch ernst und vielleicht muss genau ich jetzt DIE Lösung finden. Am Ende helfen 3 Stunden reden und sie zu davon zu überzeugen in die psychatrische Notfallambulanz zu fahren. Ich bleibe am Telefon dran, bis sie mit dem Bus angekommen ist und an der Anmeldung steht.

Betrunken, nur 1,5h Schlaf und eine gefühlt unüberwindbare Aufgabe – natürlich hänge ich den restlichen Tag rum wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Das wird keine Glanzleistung heute von mir werden, im Seminar in dem ich sitze, aber es wirkt auch alles plötzlich so banal. Leni wurde stationär aufgenommen. Sie wird nicht morgen die Psychatrie wieder verlassen können. Auch nicht übermorgen. Und ich hab sie dahin geschickt. Das schlechte Gewissen wird ganz plötzlich, ganz riesengroß. Aber vielleicht stimmt diese Behauptung ja gar nicht, vielleicht kündigen suizidale Menschen es ja doch öfter an als man denkt. Und vielleicht habe ich es doch geschafft einen Menschen davor zu bewahren, sich das Schlimmste anzutun, was man sich selbst antun kann. Und vielleicht ist diese ganze Angst, diese Aufgabe nicht schaffen zu können Unsinn. Vielleicht ist es wichtig, einfach eine Notfallnummer für jemanden zu sein. Egal wie man da ist, Hauptsache man ist es irgendwie. Menschen aus unserem Umfeld brauchen uns eben nicht nur zum Netflixaccount teilen. Manchmal brauchen Menschen um uns rum auch das, worum wir am liebsten einen Bogen machen. Psychische Krankenheiten gehören zu unserer Realität. Erwerbsarbeit, Gewalterfahrungen oder Identitätskrisen, es gibt so vieles was zu einer untragbaren Last wird. Manchmal ist es einfach zu schwer, um es alleine zu tragen. Manchmal braucht es mehr als einen Menschen. Und das ist ok. Wir sollten da mehr drüber reden. Darüber reden wie es so ist, eine Notfallnummer zu sein.

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